Die Nachbarn hat man sich nicht ausgesucht, aber man begegnet ihnen jeden Tag. Die Streitthemen sind bekannt: Schritte oder Musik von oben, die Bohrmaschine am Sonntag, der Parkplatz, die Hecke, die über den Zaun wächst, der Rauch vom Grill, das verschwundene Paket. Schnell wird aus dem höflichen „Hallo“ ein Zettel im Briefkasten.
Diese Streits werden schnell zum Missverständnis, weil sich jeder bei sich zu Hause fühlt, und zwar zu Recht. Der eine hört einen Höllenlärm, die andere verbringt einfach ihren Abend. Oft redet man nie direkt miteinander: Man seufzt, klopft an die Decke, erzählt es dem halben Haus. Jedes Schweigen wird dann zum Beweis für böse Absicht.
Für ein faires Urteil lies beide Versionen und denk daran, dass sie von derselben Person stammen. Unterscheide den Inhalt, also die echte Störung, von der Art: dem anonymen Zettel, der zugeknallten Tür, der Bemerkung vor allen Leuten. Ein Nachbar kann wirklich laut sein und der andere viel zu schnell auf hundertachtzig. Und noch etwas Wichtiges: Deine Stimme ist eine Meinung nach gesundem Menschenverstand. Sie sagt nichts darüber, was Gesetz oder Hausordnung vorsehen.